Hüttenwochenende auf der Heinrich-Hueter-Hütte (Familiengruppe 2)

vom 04. bis zum 06. Sept. 2026

Wenn ein Kinofilm ein Erfolg war, schiebt man eine weitere Folge hinterher. Die Kinokasse klingelt. Ist der zweiter Teil dann doch nicht so gut, ist nach 90 Minuten alles wieder vorbei. Die leere Popkorntüre kommt in den Mülleimer, die leere Flasche in die Kiste am Ausgang, ab nach Hause.

Auch wir haben uns einen ´Teil 2´ vorgenommen und waren nach 2025 erneut im Rätikon. Nach der Totalphütte westlich des Lünersees hatten wir in 2026 unser Lager in der östlich gelegen Heinrich-Hueter-Hütte aufgeschlagen. Die Heinrich-Hueter-Hütte gilt als ausgesprochen kinderfreundlich. Es gibt eine Schaukel, einen abtrennbaren Raum mit Spielsachen, Hochstühle, einen Fahrweg bis vor die Hütte und eine Bergbahn in der Nähe. Die Bergbahn ist auch für uns in Rufweite. Wir parken wie in 2025 knapp unterhalb der Talstation.

Wir sind mittlerweile eine vertraute Gruppe, heute Morgen mit 14 Kindern und 12 Erwachsenen. Die Kennenlernrunde bleibt aus. Los geht es mit einem Aufwärmspiel im Kreis. Es folgt der Materialcheck (Sonnencreme, Säge, Biwaksack, Wasser, Gummibärchen, etc.) und zum Abschluss ein Zahlenspiel. Zahlenspiel? Nein, jetzt wird es ernst! Wir tauschen uns zu Schrittlänge, Lauftempo und Höhenmeter je Stunde Gehzeit aus, legen den Kopf ganz weit in den Nacken und geben eine Schätzung zur Anzahl der Schritte bis zur Mittagspause ab: auf einer Länge von knapp 2 km geht es knapp 600 Höhenmeter nonstop den steilen Hang hinauf.

Der Weg startet versteckt in der Böschung am Rand der Straße. Die Bergbahn lassen wir links (nein rechts) liegen. Die in Anbetracht der starken Zahlen gute Stimmung ist durch einen Trick erkauft. Auf den ersten 100 Höhenmetern zählen wir die Schritte. Aus der mittleren Schrittzahl wollen wir die Gesamtschritte bis ins Saulajoch ermitteln. Das Kind, das mit seiner Schätzung am nächsten an der ermittelten Zahl liegt, darf seinen Rucksack abgeben. Der Ausblick auf Wandern ohne Rucksack motiviert. Als wir 90 Minuten später mitten im steilen Hang stehen, gibt es kein Zurück mehr. Die leere Gummibärchentüte steckt in der Hosentasche. Aus der Wasserflasche tropft kein Wasser mehr. Wir sehen zwar noch die Straße weit unten im Tal, aber ´ab nach Hause´ ist nicht.

Ganz so dramatisch war es dann doch nicht. Nachdem sich einige Rücksäcke nach den ersten 100 Höhenmetern neu verteilt haben, lacht zumindest einer. Bergsteigen ohne Rucksack ist toll. Nach dem Vesper lenkt uns eine neue Aufgabe etwas ab. Wir suchen Farben auf und neben dem Weg. Die Kinder entdecken gelb gefärbte Herbstblätter, rote Beeren, lila Blüten und graue Steine (viele graue Steine). Mit der Mittagssonne wärmt sich das Harz in den Kiefern. Es duftet. Die warmen und schon etwas schrumpeligen Blaubeeren schmecken lecker. Wir steigen bei schönstem Spätsommerwetter zum Saulajoch auf.

Im Saulajoch machen wir nochmals eine Pause. Nach 3 Stunden anstrengendem Aufstieg in der Sonne suchen einige den Schatten. Rucksack abstellen und Füße hoch. So nah am Boden krabbelt und hüpft einiges. Zum Beispiel eine Rotflügelige Schnarrschrecke. Auf einem trockenen Grashalm sitzend, ist es eine mittelgroße unscheinbare Heuschrecke. Erst in der Luft und bei geöffneten Flügeln sieht man ein kräftiges Rot. Diese kleinen Tiere sind stark gefährdet (rote Liste). Die Farbe der Flügel soll Fressfeinde abschrecken. Der kleine Löwe im Schatten eines Findlings zählt wohl nicht zu den Fressfeinden. Zumindest macht er den Mund nicht auf und verschwindet wenig später im Rucksack. Glück gehabt.

Nach der Pause geht es ohne Steigung los und später ca. 300 Höhenmeter bergab zur Heinrich-Hueter-Hütte. Unser Weg ist etwas länger als der direkte Weg. Auf einem längeren Weg finden sich schönere Abkürzungen. Abkürzungen sind immer gut. Also Schwung holen und auf dem Hosenboden in den Grashang. Achtung auf Steine. Spätestens wenn die Hose aufgerissen ist, sollte man wieder auf den Füßen stehen. Der eigentliche Weg verläuft in einem kleinen Bogen am Gipsköpfle vorbei, erst durch Fels, dann durch Gras und kurz vor der Hütte auch auf ordentlichem Wanderweg. Abendessen wir kommen. Lecker. Spaßig. Müde. Fast ausgeschlafen. Lecker. Gut gepackt.

Um 9:15 Uhr starten wir vor der Hütte. Wir haben Großes vor. Fahrweg oder Mehrseillänge sind keine Option. Wir brauchen einen anderen Weg. Wir bauen uns unseren eigenen Weg! ´Wegebau´ heißt das Programm. Wir bilden zwei Gruppen. Eine für Holz. Eine für Stein. Die Holzgruppe entastet einen umgekippten Baum und packt dicke Äste in den großen Rucksack. Die Steingruppe erkundet das Gelände hinter der Hütte und markiert mit Steinmännern den Weg für die Holzgruppe. Nach dem ersten Wegabschnitt in getrennten Gruppen steigen wir zusammen weiter, ehe wir uns erneut aufteilen. Diesmal nach Vorliebe für 2-füßig oder 2-füßig-2-händig. Der Weg ist das Ziel. Und so erreichen wir spielerisch zwischen Kiefernstrauchwerk und Moos, Geröll und Fels, Kuhtränke und Bachbett einen Geländeabsatz im verlassenen Tal.

Es ist ruhig hier. Wolkenfetzen ziehen um die Gipfel von Zimba, Brandner Mittagspitze und Saulakopf. Immer wieder sehen wir Gämse in den langen Schutthalden unterhalb des Felsgrates. Dazwischen gibt es ein paar wenige Schneereste. Das bisschen Schnee reicht aber schon lange nicht mehr für einen kleinen Bachlauf ins Tal. Und so sind auch die Almen weiter unten nicht mehr bewirtschaftet. Keine Kuhglocken. Kein rauschendes Wasser. Die Heinrich-Hueter-Hütte muss ihr Wasser aus dem Tal holen.

Das Holz für den Wegebau bleibt bis hier oben im Rucksack. Wir haben es nicht gebraucht. Zusammen mit einigen kleinen Zapfen finden wir eine alternative Verwendung. Es wird ein lustiges Wechselspiel: aus einem schönen Stapel wird ein wilder Haufen. Aus Braun wird schwarz. Aus weich wird fest. Aus kalt wird warm. Aus weiß wird braun. Unser Mittagessen schmeckt hervorragend. Für einige Stunden hört man ungewöhnliche Geräusche im Hochtal. Zwischen hartes Klopfen und spanendes Kratzen mischt sich ein langgezogenes ´mmmmh´ und ein zufriedenes Gemurmel. Mit Taschenmesser, Säge, Meißel und Acrylstiften entstehen viele tolle Kunstwerke für den Markt. Dann wird es wieder still. Aus dem bunten Haufen formt sich eine lockerer Reihe, die sich langsam das Tal hinunter bewegt.

Vor und nach dem Abendessen haben wir heute noch ausreichend Zeit. Die einen planen die nächste Tour. Die anderen sitzen und gucken in die Landschaft. Wieder andere malen und basteln. Später gibt es ein engagiertes Spiel im Boulderraum der Hütte (Werwolf). Zufriedene Kinder. Gutes Essen. Ein unbeschwertes Hüttenleben. Fast. Wenn wir zwei Wünsche an die Hütte geben dürften, es wären breitere Matratzen im Bettenlager und Wasser für die Duschen.

Der nächste Morgen ist schon fast Routine. Aber beim Rucksackpacken nach dem Frühstück wird schnell klar, es ist der vorerst letzte Tag auf dem Berg. Um 9:00 Uhr treffen wir uns mit gepackten Rucksäcken auf der Wiese hinter der Hütte. Die Nacht war klar und kühl. Die Wiese ist nass. Die Kinder bauen und sammeln letzte Gegenstände für den Markt. Die Auslagen verteilen sich auf drei Bänke. Mit kurzer Verspätung beginnt ein munteres handeln und feilschen. Holzscheiben, Umhänger, bemalte Steine, Steine mit besonderer Form, kleine Spiele, Gemaltes, Holzkohle aus dem letzten Jahrzehnt, Knöpfte, Kordeln, Bergluft aus der Kappe und kleine Dienstleistungen für den bevorstehenden Abstieg. Nicht alles steht zum Verkauf bzw. Tausch. Einiges wandert von einer Hand in die andere und landet im Rucksack. Dort machen sich später besonders die Steine bemerkbar.

Gegen 10:00 Uhr geht es an den Abstieg von der Hütte. Tatsächlich ist es zunächst ein Aufstieg. Auf dem Weg zur Lüner Krinne passieren wir nochmals das Gipsköpfle. Vor der kleinen Erhebung hat sich ein tiefer Trichter gebildet. Die Erosion formt interessante Strukturen in die Landschaft. Das Mittagsvesper gibt es mit Ausblick auf den Lüner See und die Totalp. Das Panorama unserer Tour aus 2025. Dann endlich geht es bergab. An der Bergstation der Lünerseebahn machen wir unsere Schlussrunde. Mit der Bahn oder zu Fuß geht es runter ins Tal und zurück nach Hause.

Wir hatten eine gute Zeit. Vielleicht kommen wir in 2027 wieder. Dann für Teil 3.