Hochtourenwoche im Wallis

Diese Hochtourenwoche hatte alles, was Hochtouren so besonders macht: Gehen auf Fels, Eis und Firn, Klettern an Felsgraten und Eisflanken, beeindruckende Bergblicke, Wegfindung im weglosen Gelände und die Ferne von der Zivilisation. Am Ende kamen alle gesund zurück – als zusammengewachsene Seilschaft und mit vielen tollen Erlebnissen, trotz eines Spaltensturzes.

Tag 1 – Aufstieg zur Cabane de Bouquetins

Am Samstag treffen wir sechs uns bei bestem Sommerwetter in Elas Ferienhaus im Wallis. Nach Kennenlernen und Materialcheck fahren wir nach Arolla und steigen zur unbewirtschafteten Cabane de Bouquetins auf 2.980 m auf. Nach etwa 1.000 Höhenmetern und zehn Kilometern erreichen wir unser Nachtlager. Die Wasserleitung ist trocken, aber zum Glück sind wir die einzige Gruppe im Biwak und kommen mit den zusammengekratzten Wasserreste gerade so hin. Nudeln mit Tomatensoße und eine zurückgelassene Flasche Weißwein runden den ersten Abend ab. Die Vorfreude auf die kommenden Tage ist groß.

Tag 2 – Mont Brule und Cabane de Vignettes

Früh geht es über den aperen Arollagletscher. Bevor wir zum Col de l’Évêque aufsteigen, machen wir einen Abstecher auf den Mont Brule (3.591 m). Der lange Grat führt über Geröll, Firn und festen Fels und bietet erste großartige Ausblicke auf die Walliser Gipfel. Anschließend queren wir zum Col de l’Évêque und weiter Richtung Cabane de Vignettes. Der spaltenreiche Gletscher und das unübersichtliche Felsgelände verlangen gute Wegfindung. Nach 1.600 Höhenmetern und 15 km freuen wir uns über die bewirtschaftete Hütte.

Auf dem Weg zum Mont Brule

Tag 3 – L’Évêque und Spaltensturz

Das heutige Ziel, der L’Évêque, beginnt direkt hinter der Hütte mit einer 30–35° steilen Gletscherquerung. Weiter oben wartet eine 40–45° steile Eisflanke. Jürgen führt vor und sichert uns anschließend über vier Seillängen nach oben. Danach folgen noch etwa 50 Höhenmeter Kletterei bis zum Gipfelbereich.

In der Gipfelflanke

Beim Abstieg passiert dann das Unerwartete: Kurz nach dem Start bleibt Lena stehen, Jürgen liegt im Schnee – und Jan ist vollständig in einer Gletscherspalte verschwunden. Die Theorie vom Vortag wird plötzlich Praxis. Während Lena und Tobi ihre Prusiken vorbereiten, gräbt Jürgen bereits einen T-Anker. Zum Glück ist Jan wohlauf und kann erfolgreich aus der Spalte gerettet werden. Nach dem Schock steigen wir sicher zur Hütte zurück.

Jan mit „seiner“ Spalte

Tag 4 – Pigne d’Arolla und zurück ins Tal

Eigentlich ist eine Überschreitung des Pigne d’Arolla mit Abstieg Richtung Cabane de Dix geplant. Aufgrund der aktuellen Bedingungen entscheiden wir uns jedoch für den Aufstieg zum Gipfel und den Rückweg über die gleiche Route.

Technisch ist die Tour deutlich einfacher als der Vortag. Eine anspruchsvollere Stelle ist der Zugang zum Gletscherbecken mit großen Querspalten und einer 30–35° steilen Eispassage. Danach geht es bei warmem, trockenem Wetter angenehm über den Gletscher zum Gipfel. Nach sechs Stunden, 700 Höhenmetern und fünf Kilometern sind wir zurück an der Cabane de Vignettes. Anschließend steigen wir ins Tal ab und genießen am Abend Dusche, Waschmaschine und frische Lebensmittel in Elas Ferienhaus.

Tag 5 – Zur Almagellerhütte

Ausgeschlafen und gut gefrühstückt fahren wir nach Saas-Almagell. Nach den ersten Tagen fühlen wir uns inzwischen sicher im Umgang mit Eis, Schnee, Steigeisen und Pickel und sind bereit für die beiden Viertausender.

Über grüne Almen und vorbei an Schafen steigen wir in gut vier Stunden zur Almagellerhütte auf – 1.200 Höhenmeter und sieben Kilometer. Jan kämpft weiterhin mit Blasen an den Fersen, hält aber tapfer durch. Aufgrund der Verhältnisse am Triftgletscher muss auch die geplante Überschreitung des Weissmies geändert werden. Stattdessen soll es über den Rotgrat hinauf und über den Südgrat zurückgehen.

Tag 6 – Weissmies über den Rotgrat

Der Weissmies wird zum Höhepunkt der Woche. Tobi ist am Morgen zunächst unsicher, ob er sich auf dem ausgesetzten Felsgrat wohlfühlen wird. Nach den ersten beiden Seillängen entscheidet er sich jedoch weiterzugehen – eine gute Entscheidung.

Der Rotgrat ist abwechslungsreich und anspruchsvoll: Auf die Kraxelei am Felsgrat folgen ein Firngrat, die Wegsuche durch Gletscherspalten und schließlich ein Eisgrat bis zum Gipfel. Dort stehen wir teilweise über und in den Wolken. Die Tour ist technisch und landschaftlich das Wochenhighlight.

Über den weniger anspruchsvollen Südgrat geht es zurück zur Almagellerhütte. Doch damit ist der Tag noch lange nicht vorbei: Weitere vier Stunden, 700 Höhenmeter und über elf Kilometer führen uns zur Weissmieshütte. Insgesamt kommen an diesem Tag rund zehn Stunden Tour und anschließend ein langer Zustieg zusammen. Müde, aber voller Eindrücke fallen wir ins Bett.

Tag 7 – Lagginhorn und Abschluss

Nach der Monstertour des Vortages wirkt das Lagginhorn fast wie eine Abschlusstour. Von der Hütte führt zunächst ein technisch einfacher Weg nach oben. Eine kurze Kletterpassage im zweiten Grad ist nach den Erfahrungen der Woche keine große Herausforderung mehr. Wir merken, wie gut wir inzwischen akklimatisiert sind.

Nach acht Stunden, 1.300 Höhenmetern und sieben Kilometern erreichen wir die Bergbahnstation. Für den Abstieg wählen Ela, Lena und Tobi das Monstertrotti, während Jan die Seilbahn nimmt.

Fazit

Wir Teilnehmer*innen danken Ela und Jürgen für die Organisation dieser außergewöhnlichen Woche, ihr Fachwissen und ihre Erfahrung sowie die große Gastfreundschaft im Ferienhaus. Besonders die Gespräche und der Austausch über Bergsport und vieles darüber hinaus haben die Touren bereichert.

Drei Dinge nehme ich besonders mit: Wenn es zäh wird, gilt Jürgens Spruch „Fitness ist nur im Kopf“. Familie und Bergsport lassen sich wunderbar verbinden. Und ein Spaltensturz kann unter den gegebenen Bedingungen in einer Viererseilschaft erstaunlich gut aufgefangen und gerettet werden.

Vor allem aber bleibt die Erkenntnis, dass die Kombination aus Bergen und Bergmenschen immer wieder bereichert. Es war eine perfekte, sportlich fordernde und menschlich schöne Woche mit euch – hoffentlich bis bald am Berg!

Text: Tobias Einsiedler und Jürgen Schniertshauer, Bilder: Tobias Einsiedler und Jan-Frederik Hankel